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Santa Cilia de Jaca – Artieda
(27,5 km)

Die Nacht mit den zwei spanischen Mädels war sehr ruhig. Trotzdem habe ich, wie oft auf dem Camino, unterbrochen von kurzen und einer längeren Wachphase unruhig geschlafen. Ich träume viel, schlafe selten tief und drehe mich oft um. Woran das wohl liegt? Nun ja, die Betten in den Herbergen sind meist ok, aber selten richtig bequem. Ein Zimmer oder gleich einen ganzen Saal mit mehreren fremden Menschen zu teilen, trägt sicher auch nicht dazu bei. Nur ob das der Grund ist? Keine Ahnung.

Auf jeden Fall bin ich dann doch noch so richtig eingeschlafen. Als ich nämlich heute Morgen auf mein Handy schaue, bin ich überrascht: die Uhr zeigt kurz nach 8 Uhr. Die Spanierinnen liegen auch noch im Bett und bewegen sich noch nicht einmal. Der Camino gefällt mir immer besser: wenige Pilger, schöne Landschaften und keine Hetze, weder morgens möglichst früh loszukommen noch abends um ja noch ein Bett zu kriegen. Das ist eher auf dem Camino Francés zu finden.

Nachdem ich mein Zeugs gepackt habe – gaaaanz in Ruhe – bin ich kurz nach 9 Uhr gemächlich wieder auf dem Weg unterwegs. Nach gut einer Stunde mache ich dann auch erstmal Frühstückspause mit Spiegeleiern, Schinken (spanischer Schinken – also luftgetrocknet, kein gekochter Schinken) und Käse, dazu haufenweise Brot und einen Salat bestehend aus Oliven, einem Schnitz Tomate und Zwiebeln. Eigentlich sind Zwiebeln der Hauptbestandteil. Mit Balsamico-Creme und Olivenöl schmeckt das richtig lecker. Aber meiner Zwiebelfahne möchte ich nicht begegnen?

Das Gehen war heute wieder erkenntnisreich. Ich erlebe das Pilgern immer mehr als Lehrmeister. Wie meine ich das? Das Verbundensein mit der Natur, Körper und Geist ist so in der Art für mich einmalig – und doch auch nicht. Letztlich ist das ja immer da und damit auch erlebbar. Im Alltag vergesse ich das nur oder es gerät in den Hintergrund und damit sukzessive in Vergessenheit. Hier auf dem Weg wird es wieder in Erinnerung gebracht und gleich mal geübt. Meine Sinne sind in einem Maße geschärft und total auf Empfang eingestellt, wie es so pur und wach wohl selten vorkommt. Alles wird aufgenommen: das Zwitschern der Vögel, das Streicheln des Windes, die wärmenden Sonnenstrahlen, die erfrischende und Feuchtigkeitsspendende Brise des Regens, die klärende Schneeluft, der Geruch der blühenden Sträucher und Blumen, nach frisch gemähten Gras oder nach feuchtem Waldboden, die Landschaften, die sich in unterschiedlichster Weise vor meinen Augen ausbreiten, der Boden unter den Füßen – Tastsinn ganz anders, über die Füße. Jeder Untergrund fühlt sich anders an, macht eine andere Adaption meiner Füße nötig. Die Fußsohlen werden massiert und die Fußmuskulatur in einer ungewöhnlichen Weise aktiviert und trainiert. Das merkt man dann schon am Abend? So in meinem ganz eigenen Rhythmus gehend in Verbindung mit allem, was gerade wahrgenommen wird, ändern sich auch meine Gedanken: sie werden langsamer, ruhiger, sortierter, klarer und – ganz besonders spürbar – fokussiert auf den Augenblick. Und das obwohl ich durchaus Gedankengängen nachhänge. Nur diese richten sich auf das, was gerade ist, wie ich es wahrnehme, wie es mir geht und welche Bedeutung dies alles für mein Leben hat. Da kommen dann zum Beispiel solche Dinge dabei raus wie die Frage, wieso gelingt mir das hier so einfach und im Alltag kaum? Ich kann es also. Jeder kann es. Was hindert uns sonst daran? Diese Frage soll und möchte heute gar nicht beantwortet werden. Spannend ist sie allemal. Ich bleibe also dran☺️

Um 13 Uhr erreiche ich das hochgelegene Arrés und mache dort ausgedehnt meine Siesta. Danach laufe ich die verbleibenden 16 km fast in einem Hatsch durch, auf Energiesparmodus könnte man sagen. Meine Sinne, wie vorhin beschrieben, sind voll da, denken tue ich über diese Zeit fast nichts. Und wenn dann sind’s lose und einzelne Gedanken, die so flüchtig gehen, wie sie kommen. Welch‘ ein schöner Zustand.

Heutige Wegimpressionen:

Hier waren welche fleißig: Steinmännchen säumen den Weg.

Immer wieder Kornfelder, die sich sanft im Wind bewegen.

Weitblick über das Aragóntal von Arrés aus.

Siesta!

Blick zurück nach Arrés.

Manchmal gehe ich lang gezogene Wege, die mich an die Meseta des Camino Francés erinnern; allerdings ist hier rechts und links nicht rotbraune und staubtrockene Erde.

Klatschmohn – was für eine Pracht.

Mehr Steinmanderl.

Mein heutiges Etappenziel Artieda liegt ebenfalls hoch oben, nochmals 1,5 Kilometer Anstieg. Aber in meinem groovigen Modus bewältige ich das – naja, nicht spielend – aber ohne große Klagen. Würde ja ohnehin nix nützen ? Ankunft in der Herberge ist 18:30 Uhr.

So, und jetzt gibt’s gleich Essen. Erneut habe ich Kohldampf. Also ran an die Buletten??

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