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Heute geht es wieder zurück nach Deutschland. Ich bin schon seit 5 Uhr auf den Beinen – 6:45 Uhr startet mein Flieger nach Palma de Mallorca. Von dort geht es nach längerem Aufenthalt um 13:30 Uhr weiter nach München. Genügend Zeit also, um die ersten Gedanken und Erfahrungen zu reflektieren. Zumindest oberflächlich. Die Erlebnisse und deren innere Auswirkungen in der Tiefe sacken und reifen zu lassen, daraus Erkenntnisse zu ziehen und ggf. Veränderung vorzunehmen, wird sicherlich Wochen wenn nicht Monate brauchen.

Was haben die Wege dieses Mal für mich bedeutet? Wie habe ich sie empfunden?

Camino del norte:

Ich habe diesen Weg exakt vor 5 Wochen am 17.09.2019 in Irún gestartet. Da lagen ca. 850 Kilometer vor mir. Die ersten 5 Etappen bis Bilbao waren wunderschön. Das Wetter war grandios, wenn auch zuweilen schwül. Danach kippte die Stimmung etwas, weil sehr viel Asphalt und Teer zu begehen war und selten an der Küste entlang, so denn man dem offiziellen Jakobsweg folgt.

Nach Fuß- und Knochenschmerzen kamen Kopfschmerzen und letztlich auch ein im wahrsten Sinne des Wortes „herz“-liches Nein, diesen Weg weiterzugehen.

Nach 18. Lauftagen und einem Ruhetag habe ich am 5.10.2019 entschieden, den Weg abzubrechen und stattdessen es mit dem Camino Portugués aufzunehmen.

Ich bin somit 518,2 Kilometer von Irún nach El Pito auf dem Camino del norte gegangen:

Ca. 331,8 Kilometer wären bis nach Santiago de Compostela noch übrig gewesen. Die hole ich vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nach. Mal sehen.

Camino Portugués:

Nach 2 Tagen Pause in Gijón, einem Transfertag und einem schönen Tag in Porto beginne ich am 10.10.2019 den portugiesischen Weg. Ich wähle dabei zu Anfang die Küstenvariante. Hier begleitet mich die ersten 3 Tage noch sonnig schönes Wetter, während am 4. Tag Regen einsetzt. Er soll mir bis zum Schluss erhalten bleiben, wenn auch bis auf einen Tag nicht durchgehend. Den Einzug nach Santiago darf ich dann allerdings bei Sonnenschein, blauem Himmel und frostigen Temperaturen halten.
Am Beginn des 5. Tages schwenke ich um auf die Zentral-Variante und laufe dem Fluss entlang ins Landesinnere. Von dort weiterhin nach Norden ausrichtend schere ich am Ende des 8. Tages auf die spirituelle Variante aus, welche mich leicht westwärts führt und an deren Ende eine Bootsfahrt für etwaige, zusätzliche Strapazen belohnt.

Da mich stärker werdende Kniebeschwerden ab dem 6. Tag zwingen, kleinere Etappen zu laufen, komme ich verzögert nach 12 Lauftagen am 21.10.2019 in Santiago de Compostela an.

Mit verzögert meine ich nicht, dass es einen Plan für den Ankunftstag gab. Den gibt es bei meinen Pilgerwegen höchstselten. Dennoch ist mir bewusst, dass, hätte mein Knie nicht derart Probleme gemacht, ich ca. 2, wenn nicht sogar 3 Tage früher in Santiago eingelaufen wäre. Da ich die Einstellung habe, nichts passiert ohne Grund, sollte ich vermutlich dadurch Orte, Herbergen und Menschen kennenlernen oder eben vielleicht gerade nicht kennenlernen, wie es anders nicht gewesen wäre. Auf jeden Fall komme ich damit stärker mit dem Gefühl, endlich ankommen zu wollen, in Kontakt. Anders – bei meiner normalen Geschwindigkeit – hätte sich das vermutlich gar nicht eingestellt. So zieht sich der Weg schlussendlich dann doch wie Kaugummi; der Regen sorgt noch zusätzlich für Strapazen, die, umso länger der Weg andauert, wie ein steter Tropfen den Stein höhlt. Und so fühle ich mich dann auch irgendwann: ausgehöhlt. Möchte nach Hause und weiß nicht mal recht, wo dieses Zuhause ist. Denn in München leben, möchte ich nicht mehr. Eine horrend hohe Miete zu zahlen wegen der Lage, ohne sie zu schätzen zu wissen, erscheint mir immer unsinniger.

Doch dieses Thema ist noch nicht vollständig geklärt, braucht es zum Wunsch einer räumlichen Veränderung ja schließlich ein Ziel. Ich warte also mal auf eine Eingebung – oder hat jemand einen heißen Tipp für mich? Es sollte ein Ort sein mit viel Natur direkt vor der Türe, ruhig, beschaulich, günstig und netten Menschen, die das Prinzip „leben und leben lassen“ nicht nur daherschwafeln, sondern verinnerlicht haben. Ach ja, und eine Stadt sollte nicht allzu weit entfernt sein. Wer diesen Ort kennt, bitte melden. Ich zeige mich auf jeden Fall erkenntlich☺️

Zurück zum Weg:
Dieser sogenannte kleine Camino Portugués – der lange beginnt in Lissabon – umfasst ca. 259,50 Kilometer.

Fazit:

Ich bin damit in 30 Lauftagen nach meinen Aufzeichnungen 777,7 Kilometer gegangen. Eine nicht nur ob ihrer Höhe Wahnsinnszahl. Wenn man an sowas wie Numerologie glaubt, ist es schon erstaunlich zu lesen, was die 7 bedeutet. Und da ich auch noch an einem 7. geboren bin…. Naja, lassen wir das. Trotzdem mag ich solche Gedankenexperimente. Ist doch schon beachtlich: ich hätte es kaum dramatischer konstruieren können ?

Erstaunlich ist auch, dass ich trotz zuletzt kürzerer Etappen damit im Schnitt fast 26 Kilometer pro Tag gegangen bin. Wow!

Letztlich ist es so, dass mich der erste Weg gelehrt hat, nichts nur durchzuziehen, weil ich es mir mal vorgenommen habe, sondern achtsam zu sein, ob es mir wirklich (noch) gut tut und dient. Denn das Durchziehen und Aushalten habe ich in meinem Leben schon einige Male (vor allem im Berufsleben) zu meinen Ungunsten betrieben. Und dennoch möchte ich nicht ins Gegenteil überschlagen und zu früh die Flinte ins Korn werfen. Als dann alles in mir nach einem Ende schrie, habe ich diesem Ruf Folge geleistet.

Anders beim Camino Portugués. Wirklich gerne bin ich die letzten Tage auch nicht mehr gegangen. Ich wollte nur noch ankommen und dann endlich ausspannen. Und viel mehr noch wollte ich nicht mehr weiterziehen, sondern nach Hause. Und genau da kam eben auch das Thema, was mein Zuhause denn sei, verstärkt in mir hoch. Das sollte sicher so sein. Ich wollte also weitergehen, weil ich spürte, dass es noch etwas zu lernen, zu erfahren, zu erspüren gibt, und ich wollte in Santiago ankommen. Nicht um zu sagen, ich habe es geschafft und durchgezogen. Nein. Sondern weil eine innere Stimme mich rief, dorthin rief. Als Pilger anzukommen, anzukommen nach wirklichen Strapazen, erarbeitet, nicht leichtfüßig einmarschiert, sondern mit letzter Energie. Und letztlich war es so. Keinen Tag hätte ich weitergehen wollen. Sicher, grundsätzlich physisch könnte ich. Dennoch: ich habe für dieses Mal genug, bin satt vom Gehen und habe tiefe Erfahrungen gemacht, die ich erstmal verarbeiten möchte. Mehr aufzunehmen, ist gerade nicht mehr drin.

In diesem Sinne heißt es vorerst ¡Adiós!

Aber mit Sicherheit irgendwann wieder:
Buen camino! ☺️

Zu Tränen gerührt! Berührt! Erleichtert! Erschöpft! Glücklich, endlich da zu sein! Und auch verwirrt, noch nicht ganz da, es noch nicht fassend!

So in etwa ließe sich mein gestriges Gefühlschaos bei Ankunft in Santiago beschreiben.

Ach ja, noch etwas ist merkwürdig: seit Monaten trage ich rechts ein Armband mit einer Sonne/ dem Nordstern, wie auch immer man es sieht. Also etwas, das oft genutzt wurde, zu navigieren, den Weg zu finden. Das Nylonband ist dabei doppelt, verstellt sich mal gerne, aber geht nur mit Mühe über mein Handgelenk und zerreißen ist fast nicht möglich. Dennoch, irgendwas in der Art muss passiert sein, denn, als ich den Platz vor der Kathedrale verlasse, bemerke ich, dass es weg ist:

Solche Armbänder trägt man üblicherweise und der Tradition ja gerne mal, bis sie vom Handgelenk fallen. Nur an einem derart denkwürdigen Ort und Tag…. Und dann noch eines diesen Zeichens! Das ist schon erstaunlich, oder nicht? Sieht fast so aus, als bräuchte ich nun nichts Äußeres mehr, dass mir die Richtung weist.
Wer da immer noch an Zufälle glaubt…?

Katja Härle