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St.-Jean-Pied-de-Port – Roncesvalles
(26 km)

Die Nacht mit 3 wildfremden Männern in einem Vierbettzimmer war wie erwartet kurz. Dafür können der Italiener, der Deutsche und der eben just an diesem Abend in Frankreich angekommene Brasilianer jedoch nichts, zumindest nicht durch Schnarchen, Unruhe oder sonstiges.
Es ist eher deren Anwesenheit per se, die mich vom tiefen Schlummer abhält. Wirklich konkret näher erläutern kann ich das gar nicht. Es ist einfach so. Und mein Kopf scheint auch keine Ruhe geben zu wollen. Irgendwie war ich in Gedanken zu wach. Dennoch falle ich nach vermutlich 20 Minuten trotzdem in einen oberflächlichen Schlaf. Ständig wache ich wieder auf, dreh mich um und schau auf die Uhr. Der Wecker ist auf 6:10 Uhr gestellt. Den brauch ich dann auch gar nicht. Schlussendlich sind wir alle wie auf Kommando um 6 Uhr wach und machen uns für den Tag fertig. Außer Elia, der Deutsche, welcher nach eigener Erzählung erst am Vortag sich zu diesem Vorhaben entschieden hat und erstmal Wanderschuhe kaufen will? Da staune ich nicht  schlecht. Die Jugend – ich schätze ihn auf Anfang 20 – nimmts gelassen.

Ich starte um 6:45 Uhr durch das noch schlafende und dunkle St-Jean-Pied-de-Port. Mein Stempel habe ich glücklicherweise bereits am Abend vom Pensionswirt bekommen, denn entgegen den Angaben auf der offiziellen Homepage des Pilgerbüros hat dieses natürlich nicht bereits um 7 sondern erst um 7:30 Uhr geöffnet. So trabe ich bei leichtem aber stetigem Regen das Kopfsteinpflaster langsam gen Ortsausgang entlang. So richtig will keine Beschaulichkeit aufkommen. Der morgendliche Aufbruch erinnert eher an Massentourismus denn an Pilgern zur inneren Einkehr. Nun ja, was habe ich erwartet?
Der Weg gestaltet sich wie beschrieben durchaus anspruchsvoll, zumindest 15 km immer wieder ziemlich steil ansteigend, aber gut zu schaffen. Aufgrund der häufigen, dazwischenliegenden sanften Anstiegen oder gar eben verlaufenden Abschnitten lässt er sich tatsächlich problemlos bewältigen. Bis Orrizon (7 km) ist man selten allein, was zuweilen ganz schön nervt. Insbesondere weil mir wieder ein russischer oder ukrainischer „Wahlitaliener“ begegnet. Ihn hatte ich am Vorabend schon in der Bummelbahn von Bayonne nach St-Jean-Pied-de-Port kennen gelernt. Er gab dem Schaffner gegenüber seine Nationalität mit Italiano an, trägt auch ein Band mit den italienischen Nationalfarben an seinem Rucksack. Seltsam ist nur, dass die eindeutig erwiesenen Italienerinnen, zufällig neben ihm sitzend, die er gleich in ein Gespräch verwickelt, ständig zur Konversation das Handy zu raten ziehen müssen. Eigentlich kommt gar kein Gespräch zustande; es ist mehr ein auf dem Handy-Tippen und Lesen-lassen. Egal. Wie auch immer dieser Typ kreuzt plötzlich neben mir auf, sagt brav „hallo“ und fragt, wie es mir geht. Soweit so gut. Erst schlappt er einige Minuten neben mir, dann lässt er sich zurückfallen, aber nur gerade so viel, dass er sich quasi in meinem Windschatten hinter mich klemmt und derart nah dabei aufrückt, dass ich jeden Moment befürchte, dass er auf meine Fersen tritt. Bevor ich die Nerven verliere und ihn auffordern will weiterzugehen, lässt er sich plötzlich deutlich mehr zurückfallen und wartet auf seine italienischen Zufallsbekanntschaften vom Abend zuvor. Die hat er nämlich tatsächlich im Schlepptau oder sie ihn. Als ich bei der 2. Einkehrmöglichkeit in Orrizon Halt für ein kleines Frühstück mache, taucht er wieder auf – ohne Italienerinnen – kauft ein Bier (um 9 Uhr!!) und geht mit einem „spasibo“ wieder zur Tür hinaus. Wusste ich’s doch: Russe oder so, aber kein Italiener.

 

Danach trabe ich weiter den Berg hoch und als ich gerade anfing, innerlich zu murren, dass ich jetzt verdammt nochmal nun endlich am höchsten Punkt meiner heutigen Etappe ankommen will, stehe ich plötzlich recht unspektakulär genau dort: am Col de Lepoeder, mit 1437 hm am höchsten Punkt. Aufgrund der tiefhängenden Wolken ist leider nix zu sehen von dem durch mein Wanderführer angekündigten tollen Panorama.

Dafür wartete der Weg mit anderen schönen Eindrücken auf:


Mystisch anmutende Wälder auf dem Weg zum Gipfel.

Fluchs gehts daraufhin bergab, nachdem ich mich von einer gut 60-jährigen Französin doch zum steileren Abstieg überreden ließ. Tatsächlich laufen alle diesen Weg. Zugegeben, der Weg des sanfteren Abstiegs lädt nicht gerade ein, ihn zu gehen und wirkt wie ein selten begangener Trampelpfad.

Nach flottem Abstieg, der gut zu machen ist, komme ich nach weiteren 45 Minuten um 14:14 Uhr in Roncesvalles an.


Endlich da: Roncesvalles


Mein Zimmer ist genau das, was ich jetzt brauch: ruhig und ganz allein mein?
Und vielleicht ein bisschen viel Luxus für eine Pilgerreise, aber mich juckt das nicht…

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