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Tui – O Porriño
(ca. 16 km) – ja, im Ernst sechzehn Kilometer! Außergewöhnlich wenig für mich.

Die gestrige Etappe war offenbar meinem linken Knie zu viel. Während des Gehens merke ich so gut wie nichts. Im Gegenteil, gehe ich zu langsam und in kleineren Schritten, scheint es mehr Schwierigkeiten zu machen. Das ist jedoch beim Ankommen in Tui anders. Da geht dann fast gar nichts mehr im angenehmen Bereich. Ich vermeide jede Treppe, die ich nicht zwingend gehen muss. Es ist dicker geworden und selbst über Nacht hat es sich nicht vollständig regeneriert. Fast bin ich versucht, noch eine Nacht in meiner bislang schönsten Unterkunft des gesamten Trips zu bleiben. Ich habe sogar endlich mal eine „richtige“ Decke, nicht wieder eine dieser ekligen Wolldecken. Ja, ich bin fast versucht… aber eben nur fast. Dafür bleibe ich lange liegen. Erst um 8:30 Uhr pelle ich mich aus dem kuschligen Bett.

Als ich Tui um 9:20 Uhr verlasse, beginnt es erneut zu regnen. Hier ist halt auch Herbst und das drückt sich durch vermehrten Niederschlag aus, welche Überraschung ☺️

Meinem Knie zuliebe gehe ich heute mit Kniebandage, deutlich langsamer als sonst und in kleineren Schritten. Das, was gestern noch nicht klappte, scheint jetzt die bessere Strategie zu sein. Zudem möchte ich mehr Pausen machen, was mir die Gelegenheit gibt, bereits während des Tages Gedanken niederzuschreiben.

Wie weit ich gehen werde und wie lange, weiß ich wie üblich nicht. Ich werde sehen, wie es läuft.

Auf jeden Fall überholen mich einige Pilger und denen werden sehr wahrscheinlich noch weitere folgen; ganz ungewöhnlich für mich. Normalerweise ist es immer andersrum. Ein deutliches Indiz meiner verringerten Gangart.

Apropos Gangart: ich laufe das erste Mal mit Sport-Tight, damit die Bandage nicht direkt auf der Haut sitzt. Das hatte ich bereits versucht und davon bekomme ich immer in den Kniekehlen Reizungen und Bläschen durch die Reibung. Nachteil: die Hose reicht nicht über meine Boots. Und so knalle ich mir wieder Steinchen für Steinchen in meine Stiefel. Mein Entengang – so bezeichne ich das – macht’s möglich. Kaum habe ich meine Wanderstiefel von ihnen befreit und gehe einige Schritte auf dem sandigen Kiesuntergrund weiter, sind nach kurzer Zeit mindestens wieder so viele Steine je Schuh vorhanden. Nun ja, das scheint heute ebenfalls eine Akzeptanzprüfung zu sein. Ebenso wie das Wetter: Regen, kein Regen, zu warm, Poncho an, Poncho aus, Regen, Poncho an, kein Regen, Sonne, zu warm, Poncho aus, Jacke auf, kühler Wind, Jacke zu…..😏

Obwohl ich bereits um 14:15 Uhr in O Porriño ankomme und damit der Tag noch sehr jung wäre, entscheide ich hier zu bleiben. Und dabei gefällt mir der Ort nicht, ganz und gar nicht. Dennoch, für irgendwas wird es gut sein, denn meinem Knie möchte ich heute definitiv keine weiteren Kilometer zumuten.

Also suche ich eine Herberge auf. Und diese bietet zumindest etwas Privatsphäre, denn jedes Bett hat Vorhänge.

In Summe merke ich, dass die Moral auf dem Tiefstand ist. Mir geht das ewig gleiche Prozedere aus Ankommen, die Lage abchecken, wo ist was, der nächste Supermarkt, eine Möglichkeit zum Essen und zum Wäschewaschen etc. pp. gerade ziemlich auf den Nerv. Auspacken. Einpacken. Weiterziehen. Und das Spiel beginnt von vorne. Letztlich bin ich schon seit Ende Juli unterwegs – Seminar in Wasserburg, Münchner Jakobsweg, Seminar in der Toskana, Camino del norte, Camino Portugués – und damit so gut wie nie zu Hause. Ich habe schon von einigen Langzeitreisenden gehört, dass es den 3-Monatskoller gibt, wo einem das aus dem Koffer leben, sich ständig an eine neue Umgebung zu gewöhnen, auf den Zeiger geht. Eine Phase also, die vorbeigeht?

Ich werde es achtsam beobachten. Insbesondere mein Knie, das sich gerade wie mein Tinto de verano an einer Packung Eis erfreuen darf. ☺️

Ach ja Bilder. Viel Ausbeute ist heute nicht dabei. Liegt wohl am Regen und an ca. 7 km Industriegebiet und Stadteinzugsbereich. Die Fotomotive ließen also zu wünschen übrig…

Trüber Morgen.

Mal sehen, ob ich die wirklich noch schaffe…

Pilgerdenkmal am Ortsende von Tui.

Der schönste Abschnitt und damit alle Highlights des Tages auf ca. 3-4 Kilometer.

Und mal wieder Camino-Kunst.

Letzter schöner Ausblick…

…und dann wird’s für die letzten Kilometer echt fad:

Katja Härle