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O Porriño – Soutoxuste
(ca. 20 km)

Gestern stand für mich in Frage, ob ich diesen Camino zu Ende bringen werde. Es bestand also die Gefahr, dass dies eine Abfolge an abgebrochenen Caminos wird, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Und die Gefahr ist noch nicht gänzlich gebannt. Ja, gestern kam alles zusammen: Regen, unschöne Wege und Umgebung, energetisch unguter Ort, miese Stimmung, Kniebeschwerden. Abzubrechen schien also verlockend.

Ich merke auch – schon seit Tagen – dass ich jetzt gerne ankommen möchte. Es geht mir also tatsächlich im Moment zumindest nicht mehr um das reine Gehen. Denn darum geht es mir ja meistens, wenn ich pilgre. Da geht’s um den Weg, das Gehen, das mit mir alleine sein in der Natur, sich eins zu fühlen mit ihr, also AllEINSsein. Santiago war somit niemals das Ziel.

Seit ich auf dem Camino Portugués unterwegs bin, ist das irgendwie anders. Ich scheine irgendwie zu spüren, dieses Mal geht es genau darum: ums Ankommen.

Das sagte ich noch vor 2-3 Tagen zu einer Pilgerin, dass ich das Gefühl habe, dass ich – wenn es mir denn vergönnt sein sollte – dieses Mal das erste Mal wirklich nach Santiago gehe. Sonst war es halt nur eine Stadt, wie jede andere auch auf dem Weg.

Und die letzten Wochen waren für mich dahingehend Prüfungen, dass es ständig um Entscheidungen ging und sich dabei bewusst zu machen, was ich will, und warum ich etwas tue. Geht es also darum, etwas durchzuziehen, um mir und anderen etwas zu beweisen? Was will ich bezwecken? Halte ich etwas nur aus, um mir ein „Scheitern“ nicht einzugestehen? Wer sagt denn überhaupt, dass eine Kehrtwende oder ein Abbruch eines ehemals gesetzten Vorhabens ein Scheitern ist? Und wenn man wie ich in seinem Leben schon viel durchgezogen und dabei nicht selten ausgehalten hat, der darf sich ganz besonders achtsam prüfen, wieso er was tut. Wie in vielem, das extrem betrieben wurde, wird nach dessen Gewahrsein das andere Extrem allzu oft gewählt. Das heißt, man schlägt plötzlich ins Gegenteil über, was in diesem Falle hieße, beim geringsten Widerstand alles hinzuwerfen. Also ist es eine wichtige Übung – übrigens aus meiner Sicht eine der schwierigsten -, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und aufmerksam zu beobachten, was man sich für Geschichten selbst erzählt. Letztlich schaffen wir Menschen es allzu leicht, uns selbst was vorzumachen.

Den Camino del norte habe ich abgebrochen, als ich merkte, das nichts mehr in mir gewillt war, den Weg weiterzugehen. Da stand dann fest: Schluss damit. Hier führt mein Weg nicht entlang, nicht dieses Jahr zumindest.

Jetzt ist es so, dass es Teile in mir gibt, die sofort abbrechen würden. Ja, ich sehne mich nach meiner Wohnung, nach meinem Reich, meiner Ordnung und meiner Sauberkeit. Nur, das ist bis Anfang November ohnehin nicht zugänglich, weil untervermietet. Gott sei Dank. Weil, es gibt etwas in mir, das ankommen will, das den Weg zu Ende bringen möchte. Und nein, es ist nicht der Hang zu brillieren (wem sollte ich nach zig Tausend gegangenen Kilometern auch noch was beweisen wollen?), es ist kein Durchhalten, kein Leistungsgedanke. Es ist mehr die Sehnsucht nach dem Gefühl, das sich einstellt, wenn ein Pilger nach all den Strapazen in Santiago eintrifft, dieses tiefe Verstehen, die Verbindung zu ganz wesentlichen Dingen des Lebens wieder gefunden oder besser gesagt wieder erspürt zu haben. Ja, ich erlebe das oft, wenn ich auf diesen Wegen unterwegs bin und im Wesentlichen dabei mir selbst begegne.

Dieses Mal – so mein Eindruck – wird es in meiner Ankunft in Santiago gipfeln. In dieses Empfinden zu gehen, treibt mir regelrecht Tränen in die Augen. Ich schaffe es kaum, in Worte zu kleiden, was mich bewegt. Es ist eben genau das, ja, vermutlich ist es das, weshalb ich das immer wieder mache: es ist ein tiefes Wissen in mir, ein innerer Ruf, Intuition oder wie man es auch immer nennen will, also exakt das, was mich zwei Jahre zuvor das erste Mal auf den Weg getrieben hat, es tun zu müssen. Lässt sich so etwas in Worte fassen und erklären? Meistens nicht. Man weiß einfach, dass man es tun muss bzw. möchte. Es zu hinterfragen oder zu erklären, wäre dabei wieder nur unserem Hang zu folgen, alles mit dem Verstand begreifen zu wollen. Und es gibt nunmal Dinge, ganz wesentliche Dinge, die jenseits des Verstandes liegen…

Das heißt nun also, ich laufe weiter. Mein Knie tut während des Gehens auch nicht weh, zumindest so lange ich keine blöde Bewegung mache. Abends ist es dann dick und zeigt mir, dass es Ruhe möchte. Zugegeben dieses Jahr war es ganz schön viel auf einmal. Und die Ruhe kriegt es, wenn ich in Santiago bin. Bis dahin achte ich darauf, Pausen zu machen, langsamer und vor allem kürzere Distanzen zu gehen. Dass ich nicht sofort aufhöre, liegt daran, dass es untertags keine größeren Schwierigkeiten macht und ich weiß, dass es nach ein paar Tagen Ruhe, sich wieder regenerieren wird. Schaden wird es nicht davon tragen.

Nun denn, die 20 Kilometer verliefen größtenteils problemlos. Außer dass es heute nur wie aus Kübeln regnete. Die Goretex-Membran meiner Schuhe geben dann auch ca. 3 Kilometer vor meinem Etappenziel auf und werden durchlässig. Gegen so viel Nass sind sie halt auch machtlos. Die wenigen, wirklich schönen Abschnitte des Weges kann ich dann selten fotografieren. Mein Handy ist schließlich am wenigsten Wasserdicht.

Miguel, mein heutiger Herbergsvater, überrascht und erfreut das aufgeweichte Pilgerherz dann umso mehr: er ist ein Camino-Engel. Warmherzig, sehr freundlich, aufmerksam, hilfsbereit und sehr bemüht um das Wohl der Pilger. Als wir über meine Caminos sprechen – er ist selbst Pilger – und damit auch über den Primitivo, fragt er mich nach Bodenaya. Ich weiß sofort, was er meint. Er fragt nach Davide, in dessen Herberge ich damals war. Witzig, gerade in dem Moment dachte ich auch daran, weil Miguel mich an ihn erinnert. Er hat die gleiche sanftmütige Art. Einfach ein Engel des Caminos. ☺️

In wenig reizvoller Umgebung: die 100-Kilometermarke bzw. kurz davor, denn ich vermutet schon, dass auch dieses Mal wieder die glatte 100,00 fehlen wird. Irgendwie Trottel hat sie sicherlich auch dieses Mal entfernt und als Souvenir mitgenommen.

Und so ist es dann auch…

Der Weg weiß offenbar immer die richtige Antwort ☺️ Wobei ich nicht nach Ruhm trachte…

Unterm Blätterdach kann ich dann mal ein Foto wagen.

Wegdenkmal von Pilgern gestaltet.

Das einzige Problem mit den geringeren Distanz: was mache ich mit dem restlichen Nachmittag und Abend? Heute komme ich um 15:30 Uhr an und schon jetzt – nach dem Duschen, kochen, essen und Blog schreiben- ist mir langweilig. Und es ist gerade mal 18 Uhr??

Katja Härle