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Ribadiso da Baixo – O Pedrouzo
(22,2 km)

Diejenigen unter euch, die angenommen haben, ich laufe heute die verbleibenden 41,9 km nach Santiago durch, muss ich – wie mich selbst – überraschen: ich hab‘ die Schnauze voll! Ja! So ist es. Und einen „Kulturschock“. Und Schmerzen. Naja, ganz so schlimm ist es nicht; ich bin nicht sehr schmerzempfindlich, nur gerne laufen war mal…

Aber mal langsam. Ganz von vorne.

Ich hatte gestern angemerkt, dass ich mir kurz hinter Melide – also genau dort, wo ich auf den Camino francés stieß – den linken Fuß etwas gezerrt habe. Ein Zeichen, dass das ausgerechnet dort passierte? Naja, wie auch immer. Auf jeden Fall war das eigentlich gar nichts. Ich habe den kommenden Bordstein (den ich nicht gesehen hatte) nur mit der Ferse bestiegen und bin mit den Zehen nach vorne gekippt. Eigentlich ist mein Fußspann äußerst gut gedehnt, also normalerweise kein Problem, ihn in eine gerade Verlängerung des Schienbeins zu bringen. Wie ich mir den bzw. den Muskel oder ein Band kurz darüber also gezerrt haben kann, ist mir ein Rätsel. Aber egal wie und warum, Fakt ist, es tut nach wie vor ganz schön reißen und zerren beim Gehen und ist etwas geschwollen. Ich habe schon eine spezielle Technik entwickelt, dass es mich nicht allzu piesackt, aber ich laufe definitiv nicht mehr gerne. Es ist einfach unangenehm. Und so habe ich heute reichlich oft und vor allem lange Pausen gemacht. Die etwas mehr als 20 km eire ich dann in unglaublichen 6,5 Stunden mehr dahin und nicht mal Musik schafft es heute, mich in einen angenehmen Trab zu versetzen. Das hat bislang immer gewirkt. Und zudem sind mir deutlich zu viele Menschen auf dem Weg. Das ständige Hellau und asiatische Geschnatter, Oberkörperfrei laufende Zurschausteller und Marathonartige Verfolgungsjagden setzen mir echt zu. Das hat so gar nichts mit den beschaulichen, zeitweilig meditativen Tagen davor gemein. Ich bin also rund um genervt. Und klaro: das liegt ja nicht an den anderen Pilgern, sondern daran, dass ich nicht ins Bild passe! Und deshalb habe ich beschlossen: ich fliege bereits am Dienstag früh zurück. Mit dem Fuß – und dass es zügig besser wird, kann ich derzeit einfach nicht abschätzen – macht es keinen Sinn, noch den Camino Inglés laufen zu wollen. Und bei der ganzen Pilgeransammlung schon hier, will ich gar nicht daran denken, mich mehr als „nötig“ in Santiago aufzuhalten.

Also streiche ich dieses Mal die Segel. Ich habe getan, was ich wollte. Ich bin den Camino Primitivo gelaufen, war viel mit mir und meinen Gedanken alleine. Und das war herrlich, wenn auch nicht immer einfach. Es war damit wie vermutet härter als letztes Mal auf dem Camino francés. Es war körperlich anspruchsvoller, zumindest partiell, und vor allem mental ein mit mir noch intensiveres Auseinandersetzen. Und das ist erst der Anfang, zumindest bezüglich der Themen, die ich neuerdings wälze. Das spüre ich. Aber hier kann ich derzeit nicht mehr erreichen und tun. Es wird also Zeit für mich zurück zu fliegen und mein Jahr in der Welt final vorzubereiten!

Massen vor und hinter mir. So habe ich heute selten Lust, Fotos zu schießen.

Obwohl der Weg und die Gegend schön sind und durchaus Motivqualität besitzen. Aber ich bin heute bockig…. und dabei habe ich ja erreicht, weshalb ich kam. Nun ja, dennoch schiebe ich einen ordentlichen Bock vor mir her. So möchte ich mir nicht mal selbst begegnen 😀 Keine Panik. Noch grüße ich freundlich alle Pilger mit „Holà!“ oder „Buen camino!“ Auch wenn ich manche lieber vom Weg schubsen möchte ??

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