Teile diesen Beitrag mit einem Klick:

Borres – Berducedo
(24,9 km)

24,9 Kilometer hört sich wenig an, tatsächlich ist es eine anspruchsvolle und anstrengende Etappe. Sie bringt mich zum höchsten Punkt des Camino Primitivo – anders als von mir anfangs geschrieben sind dies 1220m. Ja, auch das hört sich nicht spektakulär an. Aber geschätzt nach 1,5 h laufen durchbreche ich die Schneefallgrenze. So wandelt sich der vorherige Nieselregen erst in stärkeren Regen, dann schließlich in Schnee.

Meine heutige Etappe. Angegeben ist die Strecke mit ca. 7:45 Stunden, ich bin sie in 6 gelaufen. Und das bei starkem Schneegestöber auf dem Bergkamm, der sich über etwa 7 km hinzieht.

Kurz vor dem höchsten Punkt im Schnee, Hospital de Fonfaraón

Heute war vom Wetter alles dabei. Die Tour ließ dabei kaum Möglichkeiten zum Verweilen, da es weder einen Unterstand noch eine Bar gab. Es wurde bis zum Schluss kein Ort passiert. So bin ich die 6 Stunden durchgelaufen, ohne Pause und ohne was zu essen. Während des Laufens fällt mir das kaum auf, außer in der letzten Stunde. In der wurde mir klar, dass ich in Berducedo nicht nur eine Pause machen werde, sondern übernachte. Und heute gönne ich mir ein Einzelzimmer, endlich mal Schnarcherfrei 😉

Nun komme ich nach dem mehr als überfälligen Essen und anschließender Dusche endlich meiner längst vermissten Gewohnheit von letztem Jahr nach: auf meinem Bett liegend die Füße hoch gegen die Wand lehnend. Apropos Füße. Die halten sich extrem gut dieses Mal. Ich habe an der gleichen Stelle wie letztes Jahr wieder nach dem ersten Lauftag eine Blase bekommen, allerdings nur links, am zweitkleinen Zeh. Die machte mir aber heute schon gar keine Schwierigkeiten mehr. Gestern erst in den letzten Kilometern und am Samstag auch nur selten. Mein Überbein am rechten Fuß zeigt mir nur an, dass es mal Pause will, hinderlich schmerzen tut aber auch das nicht. Das Gleiche gilt für mein linkes Knie – noch. Und das obwohl es mich auf selbiges heute gedonnert hat. Rutschiger Felsen auf abschüssigem Gelände, selten gut. Da halfen auch meine Stöcke nichts. Ruckzuck zog es mir das rechte Bein weg, quasi in den Spagat und mein linkes Knie gen Boden, das wenig später auf den Stein knallte, aber außer ein paar Kratzer fehlt nichts. Dafür zwickte schon am ersten Tag das rechte Knie. Da trage ich nun meine Kniebandage. Damit geht’s. Wie gut, wird sich vor allem morgen zeigen. Denn auf dem morgigen Abschnitt sind zwei sehr steile Abstiege zu erwarten. Na, ich werd’s herausfinden.

Beim Cooldown-Bier hatte ich ein interessantes Gespräch mit Davy, einem Belgier, auf den ich seit Davids Herberge immer wieder treffe. Unter anderem zu Claudio, einem 50-jährigen Spanier bzw. Canario von Teneriffa, der aber wesentlich älter aussieht. Dem begegnete ich auch das erste Mal in Davids Herberge. Da nahm er – so fand ich – keine besondere Notiz von mir, was auch gut so ist. Aber seit gestern macht er immer wieder Andeutungen und Komplimente. Klar gehen da sofort meine Alarmglocken an. Und da Claudio kein Englisch spricht, muss das ja immer einer übersetzen. So eben heute Abend Davy. Danach frage ich Davy, ob ich mir das einbilde oder ob mich Claudio anbaggert. Davy meinte, er wäre nur nett und ich paranoid. Gut, Letzteres war scherzhaft gemeint, sicher aber mit ernstem Kern. Bin ich tatsächlich nicht fähig Komplimente und Nettigkeiten nur als solche anzunehmen, ohne gleich Hintergedanken zu vermuten? Und bremse ich damit Kontakt zu mir einfach nur freundlich gesonnene Menschen (vor allem Männer) bereits im Anlauf aus? Oder trügt mich mein Gespür dabei selten und sollte ich mich nicht besser darauf verlassen? Etwas ist auf jeden Fall dran an der Sache, weil ich per se, egal von wem kommend, Komplimente ziemlich hart abwickle. Und damit bin ich zum einen nicht gut zu mir und zum anderen bringe ich dem Sender des Kompliments zum Ausdruck, entweder Übertriebenes und Unehrliches von sich gegeben zu haben oder mich gar nicht erst angesprochen zu fühlen. Beides bedeutet, dass ich nicht einfach „Danke“ sage und mich freue, sondern das Kompliment als unangebracht abstemple. Schade, denn damit verletze ich vermutlich nicht selten nicht nur mich sondern auch den/die andere(n).

Teile diesen Beitrag mit einem Klick: