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17.09.17

Was für ein schönes Datum, meine Reise, meinen Weg auf dem camino francés zu starten bzw. genauer gesagt erstmal nur die Hinreise dazu. Ich sitze im TGV 9576 Richtung Paris Est. Draußen ist es noch dunkel, nun ja, es ist auch erst 6:30 Uhr. Die Nacht war also entsprechend kurz.
Ich bin aufgeregt, und wie. Ich glaube, noch nie hat mich eine Reise schon vor Aufbruch so bewegt, emotional so bewegt. Heute Nacht überkamen mich auch immer wieder Ängste, eigentlich ziemlich unbestimmter Art. Einfach Angst vor dem Vorhaben, vor dem, was mich wohl erwartet.
Jetzt sitze ich also erstmal im Zug und lasse Deutschland an mir vorüberziehen. Später dann auch noch Frankreich. Schließlich durchquere ich auch Frankreich komplett mit dem Zug. So komme ich nach und nach meinem Startpunkt mitten in den Pyrenäen näher, taste ich mich langsam an den Jakobsweg, den camino francés heran. Könnte die Anreise nicht passender sein?

Paris

Nach Zugankunft am Gare de l’Est habe ich mich zu Fuß zum ca. 5 km entfernt gelegenen Bahnhof Montparnasse quasi einmal quer durch Paris gemacht.
Der etwa 1,5-stündige, gemütlich in die Länge gezogene Fußmarsch hat mir heute neben schönen Straßenzügen und Gebäuden auch anderes gezeigt:
Mein Rucksack ist bleischwer und fühlt sich auch so an. Er zieht ganz ordentlich an meinen Schultern. Keine Ahnung, wieso mir das beim Testlauf nicht so extrem vorkam. Zudem, wenn ich unterwegs auf die Toilette muss und den Rucksack niemand Vertrauenswürdigem zur Aufsicht überlassen kann, wird der Klogang zum Hindernislauf.
Daneben machen sich meine Füße bereits bemerkbar. Eigentlich nicht weiters schlimm, denn im Grunde kündigen sie „nur“ Faulheit an und bewegen sich nur träge voran, aber jetzt schon???
Na, das kann ja heiter werden.

Und ich versank in einer mir mehr als bekannten Melancholie, weil ich mich nach wie vor zu sehr nach Zweisamkeit sehne. Und die scheint nunmal nach wie vor nicht in Sicht.
Tja, vielleicht musste es so anfangen. Paris ist ja letztlich die Stadt der Liebe. Da bleiben solch romantische Gefühle wohl nicht aus.
Blöd.

Und dann noch die Geschichte einer Freundin, die mir kurz vor Abfahrt von ihren Nachbarn erzählte, die bei der Hinfahrt nach St-Jean-Pied-de-Port vor einer Woche eben bei der Metrofahrt von Gare de l’Est nach Montparnasse von 3 Schwarzen um Bargeld, Kreditkarten und Ausweise erleichtert wurden. Unnötig zu erwähnen, dass ich folglich jeden mir begegnenden Schwarzen wie einen potenziellen Meuchelmörder begutachtete. Dabei habe ich selbige Wertsachen sicher verwahrt: in meinem BH nämlich. Das kannte ich als guter Aufbewahrungsort schon aus meiner Jugend. In Ermangelung von Hosentaschen damaliger enger Stretchhosen, habe ich bei Disco- und Partyausflügen mein Geld und Hausschlüssel im BH deponiert.
Sollte also jemand bis dorthin vordringen… nun ja, ich glaube, dann stellt der Verlust von Bargeld oder Ausweis mein geringstes Problem dar. Zugegeben ein etwas makabrer, aber wie ich finde treffender Hinweis.

So freue ich mich jetzt umso mehr, bald die Stadt hinter mir zu lassen. Ja, ich freue mich auf die morgige Bergetappe, die sicher bedeutend anstrengender wird, aber dafür hoffentlich beschaulicher und für meine Sinne mit etwas mehr Ruhe aufwartend. Dieses ganze Getümmel hier geht mir auf die Nerven. Und dabei dürfte es mit Sonntag noch verhältnismäßig ruhig sein.

Ich bin allerdings mehr als froh, dass ich nicht die Metro genommen habe und anstattdessen gelaufen bin.
Montparnasse ist ein hässlicher, ungemütlicher Bahnhof. Hier mehr als 3 Stunden zu verbringen, wäre eine Qual. Mir reichen die knappen 1,5 Stunden schon mehr als genug.

Nun ja, auch die werden vorbei gehen.

Und dann wurde es zum Schluss doch noch hektisch: pünktlich stand der TGV am Bahnsteig 7 min vor Abfahrt bereits da. Allerdings konnte ich Wagon Nr. 7, in dem  sich mein Sitzplatz befand, nicht finden und dann sah ich, dass auf dem kleingeschriebenen Schild eine ganz andere Zugnummer vermerkt war. Oje. Jetzt brach Hektik aus, denn nunmehr waren nur noch 3 Minuten zur Abfahrt.
Die Nachfrage bei einer Gruppe von Bahnmitarbeitern brachte die Lösung: mein Zug stand sehr wohl auf diesem Gleis, jedoch VOR diesem Zug, den ich soeben abgelaufen war, nur eben nicht weit genug, so dass ich den anderen dahinter stehenden Zug hätte sehen können. Und dabei bemerkte ich, in Stresssituationen verlassen mich auch noch meine geringen Französischkenntnisse. Au Backe ?

Die Fahrt geht gut los. Schwerstarbeit für meine noch angegriffenen Ohren. Ein Tunnel nach dem anderen, die wir „zügig“ durchfahren. Ich komme mit dem Schlucken zum Druckausgleich nicht mehr nach. Ich hoffe, es wird bald besser…
Dafür geht es jetzt nur so dahin. Nach einer Stunde sind wir schon bei der Hälfte der Strecke angelangt, sage und schreibe 270 km von Paris entfernt. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und wärmt mich. Ansonsten ist es eher zu kalt hier im Zug. Die Augen scheinen grenzenlos über weite Felder und Wälder dahingleiten zu können. Immer wieder tauchen verwunschene Ortschaften auf.
Tatsächlich gribbeln jetzt meine Füße, wollen sich bewegen. Jaja, vorhin noch Müdigkeit vortäuschen und nun die Ruhe nicht genießen können.

Heute scheint mein Motztag zu sein.
Prima Einstieg??

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