14.07.23 – Via Gebennensis 6. Tag

von Katja Härle

14. Juli 2023

Yenne – Saint-Genix-sur-Guiers 27 km

Nach der Hitze der ersten Nächte nun der Kontrast: Die Nacht im Tipi war kühl, sehr kühl. Das erste Mal seit Beginn dieses Jakobsweges war ich über meinen neuen Schlafsack unfassbar froh. Ich habe sogar meine Merino-Fleece-Jacke angezogen und mein Tuch umgeschlungen. So ging‘s.

Die Geräuschuntermalung – wummernde Musik – vom nahen Dorffest anlässlich des heutigen Nationalfeiertages konnte ich selbst durch Ohropax nicht gänzlich ausblenden. Da ich aber erst gelernt hatte, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die gut waren, statt auf das Störende, gelang es mir, dennoch bald einzuschlafen.

Trotzdem, um kurz vor sechs war die Nacht erneut vorbei. Schon mit Tagesanbruch wache ich immer wieder auf und schau auf die Uhr.

Heute soll es wieder heiß werden. Da ich mir als Zielort St-Genix-sur-Guiers ausgesucht habe, liegen vor mir 25 bei hügeligem Gelände anspruchsvolle Kilometer. Insofern ist es sicher auch keine schlechte Idee, früh zu starten. Um kurz vor 7 Uhr mache ich mich auf den Weg.

Heute gibt es eine Menge Anlass, mich darin zu üben, mich nicht darauf zu konzentrieren, was mich gerade stört oder nervt. Die erste Hälfte der Strecke ist nur bergauf. Immer wieder gibt es Passagen, die eben verlaufen oder sogar auch mal ein paar Meter wieder abwärts. Größtenteils geht es allerdings nach oben und manchmal ziemlich steil. Das fordert mir einiges ab. Und dennoch der Weg liegt auf der Westseite eines Bergkamms und ist größtenteils bewaldet oder zumindest mit Büschen und Sträuchern versehen. D.h. ich habe überwiegend Schatten. Es könnte also bei Gott schlimmer sein. Immer, wenn es anstrengend wird und mir der Weg vermeintlich einiges abverlangt, maule ich manchmal vor mich hin. Und da kommt mir der Satz in den Sinn: einen Schritt nach dem anderen, es ist nur ein Weg. Der Weg ist völlig neutral, egal ob aufwärts, abwärts oder geradeaus. Und jeden Weg gehe ich mit einem Fuß vor dem anderen. Schritt für Schritt. Und ich habe die Wahl: mache ich den Schritt groß, klein, langsam, schnell, bleibe ich kurz stehen oder gehe ich zügig weiter. Es liegt an mir, nicht am Weg.

Eines bringt mich dann allerdings tatsächlich an meine Grenzen: Fliegen. Kleine Fliegen, die gerne um meinen Kopf sausen und zwar so nah, dass ich sie nicht mehr scharf sehen kann. Immer wenn ich nach ihnen schlagen will, entfernen sie sich schnell, nur um mir anschließend wieder auf die Pelle zu rücken. Das nervt gewaltig. Eine setzt sich sogar aberwitzig auf mein Brillenglas. Aber hey, hätte ich keine Brille auf, wäre sie direkt in mein Auge geflogen. Also, auch das könnte schlimmer sein 😉

Später gesellt sich Kopfweh dazu, nicht schlimm, aber es bleibt mir trotz einer halben Tablette Ibuprofen erhalten.

Über 13 km geht es so dahin, nur bergauf, ohne eine Einkehrmöglichkeit. Größtenteils bin ich alleine – außer 5-6 Wanderer begegnet mir niemand, auch keine Pilger. Die treffe ich erst wieder beim Abwärtsgehen, zwei Pilgerfrauen der bekannten Gesichter, die die etwas unanstrengendere Alternativroute gewählt hatten.

So gut gelaunt ich heute gestartet bin und die gute Stimmung trotz Kopfweh über die anstrengendsten Abschnitte der Strecke halten konnte, so düster legt sich eine graue Decke über mich, als ich im Zielort eintreffe. Ich hatte gestern gerade noch ein großes Zelt mit 2 Schlafkammern und 5 Schlafplätzen ergattern können. Das hat seinen Preis: 55 Euro. Alles ist ausgebucht, oder nicht mehr als Pilgerunterkunft existent oder die Gastgeber sind selbst in Urlaub. Ich offeriere also den 3 Pilgerladies aus Deutschland, die mir ja jeden Tag ohnehin begegnen, dass sie mit mir das Zelt teilen können, was sie auch annehmen.

Die älteste der Damen ist 72!! Und erreicht mit mir gemeinsam um 16 Uhr den Campingplatz. Der Weg war heute lang und anstrengend, wir beide haben es ganz gut geschafft. Die beiden anderen kommen erst um kurz vor 18 Uhr an.

Warum nun düster gelaunt? Was mich nervt, ist die Situation mit den Unterkünften. Ohne vorzubuchen, geht es fast nicht. Heute passiere ich lange keinen Ort und am frühen Nachmittag sind es nur kleine Weiler, die allesamt ausgestorben scheinen. Einfach mal vorbeilaufen und entscheiden, hier bleibe ich, ist nicht. Zudem, einige haben ihre Pilgerunterkunft geschlossen, andere machen selbst Urlaub. Und der Rest ist schnell ausgebucht. Abends ist also erst mal Planung für den nächsten Tag angesagt. Nicht gerade wie ich es liebe. Vielleicht ändert sich das nach dem Wochenende…

Der Tag erwacht und verspricht, heiß zu werden.
Schattige Wege auf dem Weg nach oben
Fast wie Heidelandschaft
Unglaubliche Aussichten
Kurz vor dem finalen und zugegeben fiesesten Anstieg der heutigen Etappe
Auf dem Weg nach unten
ziemlich viel Teer und Sonne
Campingplatz Les Bords du Guiers
Etappe 6: heute ohne Unterbrechung aufgezeichnet; die Zeit entspricht daher inkl. Pausen



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